von Hanna Komornitzyk (07.09.2021)

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Was bedeutet Heimat? Sieben Fotograf*innen gehen in der Ausstellung “MAKE IT HOME” der Frage nach, wie wir uns ob der allmählichen Selbstzerstörung des Menschen neu ein-, an- und verorten können. Noch bis zum 31.10.2021 in der Kommunalen Galerie Berlin.

Home is where... you make it.
Minna Rainio & Mark Roberts, They Came in Crowded Boats and Trains Video, 19:45 min, 2017

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, im Herbst 1944, flüchteten rund 56.000 Menschen vor dem Kriegsgeschehen in Finnland über die schwedische Grenze nach Haparanda. Eine Suche nach Bildern dieser Zeit bringt im Web mühelos zahlreiche Ergebnisse hervor. In Schwarz-Weiß zeigen sie Menschen, die ohne Hab und Gut in der Gemeinde Haparanda ankommen: auf Booten, in Zügen, zu Fuß. Es sind vertraute Szenen, die als Grundlage für Minna Rainios und Mark Roberts’ prämierten Kurzfilm They Came in Crowded Boats and Trains (2017) dienen: Bilder der Flucht, wie sie zur Zeit überall auf der Welt zu beobachten sind – und, so die zentrale Aussage des Films, schon immer zu beobachten waren. Bei Rainio und Robert reinszenieren aus dem Irak Geflüchtete die Geschichte basierend auf Briefen, Tagebüchern und Interviews. Der Film zeigt sie bei ihrer Reise durch stille skandinavische Landschaften. Sie sind Akteur*innen einer Parabel, die so naheliegend und doch eindrucksvoll ist: Rund 30.000 Menschen, die meisten unter ihnen Irakis, überquerten die gleiche Grenze im Jahr 2015 auf der Flucht vor dem Krieg in ihrem Land – jedoch auf entgegengesetztem Weg von Haparanda ins finnische Tornio. Migration ist so alt wie die Menschheit. Schon immer brachen unsere Vorfahr*innen auf lange und gefährliche Reisen mit der Hoffnung auf, ein sicheres Leben zu finden.

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Oliver Krebs, ohne Titel C-Print, 40 x 60cm, 2014

Die Ausstellung MAKE IT HOME ist bereits in ihrem Titel doppeldeutig: Es geht darum, zu Hause anzukommen an einem Ort, der erst Heimat werden muss. Sechs fotografische Projekte stellen den Prozess und das Paradox des Beheimatens auf ihre Weise dar. Ausgangspunkt für Oliver Krebs’ Serie Golden Record (2014-2016) ist ein absurdes Unterfangen der NASA aus den späten 1970er Jahren: Eine eigens gegründete Kommission sollte eine Bildauswahl für eine rein hypothetische exterrestiale Spezies treffen, die den Menschen in seiner Essenz zusammenfasst. Der aus 115 Bildern bestehende Katalog wurde schließlich auf einer goldenen Platte verewigt und auf eine – höchstwahrscheinlich erfolglose – Reise durchs All geschickt. Krebs stellt sich der selbst auferlegten Aufgabe in metaphorischer Weise. Seine Aufnahmen zeigen flüchtige Momente, die gelernt und erlebt uns immer da verorten, wo ein Gefühl des Vertrauten entsteht: das Spiel von Licht und Schatten auf einem Türrahmen, der Blick aus dem Autofenster auf eine nestartige Struktur, der Blick auf verspiegelten Bahnfenstern.

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Göran Gnaudschun, Viktoria, aus der Serie: Are You Happy? Pigmentdruck auf Barytpapier, 54 x 39,5 cm, 2017, Courtesy Galerie Poll, Berlin

Are You Happy? (2017-2019) ist die Frage, die Göran Gnaudschun den Menschen in seiner Reihe stellt und deren Beantwortung bewusst offenbleibt. Ob kritisch, sehnsüchtig oder schlicht fragend – die Blicke der Portraitierten sind aufgeladen mit immer dem, was Betrachtende sehen wollen. Unterbrochen werden die Portraitaufnahmen von urbanen Szenerien, die gerade über die Anonymität der Stadt vertraut wirken. Wie bei Krebs sind es Momente, die etwas wie Heimat entstehen lassen. Genauso zeigen sie, mit welch banaler Komplexität der Mensch sich verortet hat: Gitterzäune, Autobahnauffahrten, Parkplätze, verwahrloste Grünflächen. Es sind vor allem Unorte, die uns im Alltag begegnen und unser Dasein dokumentieren. Juliane Zelwies schlägt in ihrer Videoinstallation Stubenhocker(2003) eine Brücke zur Natur: Über die Ausstellungsräume verteilt sind sieben kleine Überwachungsmonitore zu finden. In Endlosschleifen zeigen sie verschiedene lichtscheue Tiere in ihrem Unterschlupf. Wie zufällig angeordnet scheinen sie auf eine Parallelwelt zu verweisen und machen deutlich, dass ein Bedürfnis nach Sicherheit nicht exklusiv menschlich ist.

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Juliane Zelwies, Stubenhocker 7 Kanal Videoinstallation, 3 – 11 min (div. Loops), 2003

Die wohl wichtigste Frage unserer Zeit ist jene, wie wir die uns drohende Zerstörung durch die Klimakatastrophe abwenden können. An sie gebunden sind zahlreiche Prozesse, denen Migration und Flucht zugrunde liegen. MAKE IT HOME zeigt nicht nur, dass Schutz und Sicherheit ein universelles Bedürfnis des Menschen darstellt – und somit als ein universelles und nicht verhandelbares Menschenrecht zu gelten hat, – sondern auch, dass Lebensräume und -realitäten in Relation stehen, sich immer verändert haben und keinesfalls an Nationen oder Einzelne gebunden sind. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in Afghanistan, wo Menschen – verschuldet durch Bürokratie und Nachlässigkeiten unserer Regierung – das Recht auf ein sicheres Leben abgesprochen wird, klingt die Ausstellung doppelt nach. Statt zu fragen, wer beheimatet ist und Ortsansprüche geltend zu machen, sollte die Menschheit gemeinsam dafür sorgen, dass der Planet – der nun mal der einzige uns beheimatende ist – dauerhaft Heimat für alle Spezies bleiben kann.

Teilnehmende Künstler*innen: Göran Gnaudschun, Andy Heller, Oliver Krebs, Minna Rainio & Mark Roberts, Alec Soth, Juliane Zelwies

Ausstellung
15. August bis 31. Oktober 2021

Führung durch die Ausstellung am Sonntag, 12. September 2021, 12 Uhr
mit dem Co-Kurator Oliver Krebs und Norbert Wiesneth, Kommunale Galerie Berlin

Künstler*innengespräch am Sonntag, 10. Oktober 2021, 13 Uhr
Moderation Ingo Taubhorn, Haus der Photographie der Deichtorhallen Hamburg

Kommunale Galerie Berlin | Hohenzollerndamm 176 | 10713 Berlin
T 030 9029 16704 (Galerie)
Kommunale Galerie Berlin

Hanna Komornitzyk

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